Martin Hagen neuer FDP-Chef in Bayern

Martin Hagen neuer FDP-Chef in Bayern

Auf dem Landesparteitag der FDP Bayern in Bayreuth haben die Delegierten den Fraktionschef der FDP im Bayerischen Landtag, Martin Hagen, mit einem Ergebnis von 93,4 Prozent zum neuen Landesvorsitzenden gewählt. Er tritt damit die Nachfolge von Daniel Föst an, der sich nicht mehr um das Amt beworben hatte. Generalsekretär bleibt Lukas Köhler. Martin Hagen hielt am Parteitag folgende Bewerbungsrede:

„Liebe Parteifreundinnen und Parteifreunde,

als Daniel und ich uns nach der Bundestagswahl zusammengesetzt haben, um über die künftige personelle Aufstellung unseres Landesverbandes zu sprechen, ging es um eine zentrale Frage: Wie maximieren wir die Chancen der bayerischen FDP mit Blick auf die Landtagswahl 2023? 

Lieber Daniel, dass Du nach acht außergewöhnlich erfolgreichen Jahren im Landesvorstand (zuerst als Generalsekretär zusammen mit Albert Duin und dann anschließend selbst als Landesvorsitzender) die uneigennützige Entscheidung getroffen hast, den Weg freizumachen für eine Bündelung der Kräfte von Partei und Fraktion, für eine Fokussierung des Landesverbandes auf die Landespolitik – das verdient allerhöchsten Respekt. Vielen Dank für alles, was du in den vergangenen Jahren für die bayerische FDP geleistet hast!

Die FDP ist jetzt mit 14 Abgeordneten im Bundestag vertreten – nie waren es mehr. Auf Euch, liebe neu- und wiedergewählten MdBs, warten jetzt in Berlin große Herausforderungen. Unser Land braucht einen Aufbruch und die FDP-Bundestagsfraktion muss der Motor dieses Aufbruchs sein.

Das wird ein harter Weg. Und aus München, aus Staatskanzlei und CSU-Zentrale, wird heftiges Störfeuer kommen. Das hat schon begonnen und das wird jetzt weitergehen, jeden einzelnen Tag bis zur Landtagswahl 2023.

Denn das ist das Kalkül von Markus Söder: Erst hat er den Wahlkampf von Armin Laschet sabotiert, dann hat er die Jamaika-Option beerdigt und jetzt will er einen zweijährigen Dauerwahlkampf gegen die Ampel-Politik im Bund führen. Weil es ihm nie um unser Land ging, sondern immer nur um die Wahlchancen der CSU 2023.

Liebe Freunde: Ich freue mich darauf, unsere bayerische FDP als Landesvorsitzender von München aus in diese Auseinandersetzung zu führen. Ich freue mich darauf, mit Söder, Aiwanger und Co in den Ring zu steigen und für eine bessere Politik in Bayern kämpfen.

Die Bürger haben genug von den Schmutzeleien und der Egozentrik. Die Bürger haben genug von einer Regierung, die ihre Hausaufgaben nicht erledigt und stattdessen permanent mit dem Finger auf andere zeigt. Die Bürger haben eine Staatsregierung verdient, die ihre Probleme löst und das Land voranbringt. Die einen Plan für die Zukunft hat und die richtigen Köpfe, ihn auch umzusetzen.

Wir haben 2023 ein klares Ziel vor Augen: Wir wollen zum ersten Mal seit 1978 den Wiedereinzug in den Bayerischen Landtag schaffen. Wir wollen gestärkt aus dieser Wahl hervorgehen und die Zahl unserer Mandate erhöhen. Und wir wollen Regierungsverantwortung für Bayern übernehmen – weil wir bereit dafür sind und weil unser Land dringend liberale Impulse braucht.

Eine Bayerische Zeitung hat kürzlich geschrieben, der Wechsel an der Spitze der bayerischen FDP, meine Kandidatur zum Landesvorsitzenden sei eine „Kampfansage an CSU und Freie Wähler“. Genau so ist sie auch gemeint, liebe Freundinnen und Freunde.

Die Aussichten sind gut. Die FDP liegt aktuell in den Umfragen zur Landtagswahl zweistellig, das gab’s in der Geschichte unserer Partei nur einmal, für einen kurzen Zeitraum vor der Bundestagswahl 2009.

Aber liebe Freunde, lasst uns diese Umfragen nicht überbewerten. Es sind Momentaufnahmen, mehr nicht. Sie zeigen unser gewachsenes Potential, aber sagen nichts, überhaupt nichts über das Ergebnis in zwei Jahren aus. Vergessen wir auch nicht, wo wir noch vor einem Jahr standen. Bei 3 bis 4 Prozent. Übrigens das gesamte Jahr 2020 hindurch, durchgehend unter der 5-Prozent-Marke.

Unser Kurs in der Coronakrise war zwar in der Sache richtig, entsprach aber zum damaligen Zeitpunkt einfach nicht der Stimmung im Land. Ihr erinnert Euch, wir haben von Beginn der Pandemie an immer konstruktive Vorschläge für ein besseres Pandemiemanagement gemacht. (Die wurden von der Regierung meistens erst abgelehnt und dann später übernommen.)

Aber wir haben die oft autoritär anmutenden (und, wie wir heute wissen, teilweise rechtswidrigen) Corona-Maßnahmen der Söder-Regierung auch immer kritisch hinterfragt: Sind sie notwendig, sind sie überhaupt geeignet, sind sie verhältnismäßig? Diese besonnene Haltung stand zwar in bester Tradition einer liberalen Bürgerrechtspartei, aber sie war im vergangenen Jahr eben nicht en vogue.

Ein Jahr lang durchgehend unter der 5-Prozent-Marke – das war eine belastende Situation für die gesamte Partei. Es war belastend für die Fraktion, Abgeordnete wie Mitarbeiter, die hart und fundiert gearbeitet haben, scheinbar ohne dass diese Arbeit Früchte trägt. Und ich sag unumwunden: Auch mich ganz persönlich hat das innerlich sehr beschäftigt.

Ich war aber immer überzeugt, dass unser Kurs der richtige ist. Wir haben den ja letztes Jahr auch in vielen Online-Veranstaltungen auf Kreisebene gemeinsam diskutiert und bei jeder einzelnen gab es Rückendeckung und Unterstützung. Es kam für mich nie in Frage, unseren Kurs nach tagesaktuellen Stimmungen auszurichten. Unsere gesamte Partei hat in dieser schwierigen Zeit die Nerven bewahrt. Hat sich vom Gegenwind nicht umwerfen lassen. Wir sind alle gemeinsam durch dieses Umfragetal gegangen.

Und heute wissen wir: Es war nicht nur in der Sache richtig, sondern es hat sich auch ausgezahlt. Die FDP hat durch ihren klaren Kurs Profil und Glaubwürdigkeit gewonnen. Und das ist die wichtigste Währung, die es gibt in der Politik: Die Bürgerinnen und Bürger wissen, wofür die FDP steht und sie wissen, dass sie sich auch in Krisenzeiten auf die FDP verlassen können!

Jetzt stehen wir wieder vor einem schwierigen Corona-Winter. Teilweise werden die Fehler vom letzten Jahr wiederholt: Man gängelt wieder die Schulkinder anstatt sich um den Schutz vulnerabler Gruppen zu kümmern – zum Beispiel durch eine Testpflicht in allen Krankenhäusern und Pflegeheimen.

Ausgerechnet zu Beginn der kalten Jahreszeit die Möglichkeit kostenloser Schnelltests abzuschaffen war ein Riesenfehler, vor dem wir schon damals gewarnt haben – der muss jetzt dringend korrigiert werden.

Und wir brauchen ganz dringend eine Auffrischungs-Impfkampagne für die älteren Mitbürger. Da liegt Bayern bundesweit im unteren Drittel. Spitzenreiter ist übrigens Schleswig-Holstein mit unserem FDP-Gesundheitsminister Heiner Garg. Der handelt, während andere den starken Mann markieren. Mehr Boostern und weniger södern, sollte die Devise sein.

Aber zurück zu den Umfragen und den Aussichten der FDP: Natürlich wäre es toll, wenn unsere Werte jetzt bis zur Landtagswahl stabil auf dem heutigen Niveau bleiben, am besten noch weiter ansteigen. Aber sind wir ehrlich: Wahrscheinlicher ist, dass wir auch in den kommenden zwei Jahren Aufs und Abs erleben werden.

Ich wünsche mir, dass wir auch dann wieder die Nerven bewahren, dass wir auch dann wieder zusammenstehen und uns nicht verrückt machen lassen vom schnelllebigen Tagesgeschäft der Meinungsforschung. Abgerechnet wird am Wahltag. Nur darauf kommt es an.

Bis dahin liegt viel harte Arbeit vor uns. Wir wollen im Januar beginnen mit einer gemeinsamen Klausurtagung von Landespartei, Landtagsfraktion und Landesgruppe. Alle müssen an einem Strang ziehen, und durch die Regierungsbeteiligung wird die Abstimmung zwischen Bundes- und Landesebene noch wichtiger. Wir wollen unsere Kampagnenfähigkeit weiter erhöhen, uns als Partei weiter professionalisieren. Und nächstes Jahr wird auch die Arbeit an unserem Wahlprogramm beginnen. Wir wollen ein richtungsweisendes Reformprogramm entwerfen, das den Weg in das Bayern von morgen aufzeigt. Drei Themen werden dabei ganz zentral sein:

Erstens die Bildung:

Wir brauchen in Bayern mehr Chancengerechtigkeit durch bessere frühkindliche Bildung und eine individuelle Förderung von Schülerinnen und Schülern.

Der Schul-Lockdown hat die soziale Schere weiter auseinandergehen lassen. Grade für Kinder in beengten Wohnverhältnissen und aus bildungsfernen Schichten war das eine Katastrophe. Da haben wir viel aufzuholen. Ich bin nicht bereit, zu akzeptieren, dass diese Kinder jetzt halt einfach durchs Raster fallen.

Ich möchte aber nicht nur Fehler ausbügeln, ich möchte, dass wir das System erneuern: Die Schulen in die Freiheit entlassen, den Verantwortlichen vor Ort mehr zutrauen, ihnen die Möglichkeit geben, sich von der Kultusbürokratie zu emanzipieren. Die Vision ist ein lebendiger Wettbewerb eigenverantwortlicher Schulen in staatlicher und freier Trägerschaft, der zu mehr Vielfalt und zu mehr Qualität führt. Das wäre eine echte Revolution im Bildungssystem und dazu wollen wir nächstes Jahr ein umfassendes Konzept vorlegen.

Zweitens das Thema Wirtschaft:

Wir müssen Bayern als Wirtschaftsstandort stärken. Das ist angesichts technologischer Umbrüche und neuer aufstrebender Wirtschaftsmächte kein Selbstläufer mehr. Fachkräfte, Infrastruktur, bezahlbare und sichere Energie – die Liste der Baustellen ist lang.

Leider ist das Amt des Wirtschaftsministers gefühlt vakant. Frühere Wirtschaftsminister haben den Freistaat nachhaltig geprägt – ich denke an Otto Wiesheu mit seiner Cluster-Strategie, oder an Martin Zeil, der gemeinsam mit Wolfgang Heubisch die Verzahnung von Wirtschaft und Wissenschaft angeschoben hat – mit Technologiezentren und Innovationsgutscheinen.

Was wird von fünf Jahren Hubert Aiwanger bleiben? Impfskepsis und halbe Hendl. Was ist das bitte für eine Bilanz?

Drittens die Digitalisierung:

Da hat die Corona-Krise uns schmerzhaft die Defizite aufgezeigt. Ich habe in den vergangenen Monaten Unternehmen besucht, die kein Homeoffice anbieten konnten, weil die Internetverbindung dafür nicht ausreicht. Gesundheitsämter, die nach einem Jahr Pandemie immer noch per Faxgerät kommuniziert haben. Der digitale Schulunterricht war ein Debakel.

Dabei bietet die Digitalisierung riesige Chancen für alle Bereiche: Smart Farming ermöglicht z.B. einen effizienteren Einsatz von Dünge- und Pflanzenschutzmitteln in der Landwirtschaft und schont damit Böden und Gewässer. In der Pflege entlasten Robotik und elektronische Dokumentation das Personal und schaffen damit mehr Zeit für menschliche Zuwendung, die so wichtig ist. In der Verwaltung ermöglicht die Digitalisierung einen echten Bürokratieabbau für Bürger und Unternehmen – aber dafür darf man eben nicht einfach nur Formulare, dafür muss man ganze Prozesse digitalisieren.

Bayern muss diese Chancen der Digitalisierung nutzen, dafür wollen wir ab 2023 sorgen!

Nachdem sich die CSU in Berlin selbst aus dem Spiel genommen hat, ist es in den kommenden Jahren an uns, die Interessen aller bürgerlichen Wähler auf Bundesebene zu vertreten. Wir werden als Teil einer neuen Bundesregierung Gralshüterin der wirtschaftlichen Vernunft und der haushaltspolitischen Solidität sein. Wir werden uns am Kabinettstisch für die Belange der hart arbeitenden Mitte der Gesellschaft einsetzen.

Und wir laden alle Bürgerinnen und Bürger ein – unabhängig davon, wo sie bei vergangenen Wahlen ihr Kreuz gemacht haben – uns dabei zu unterstützen. In den vergangenen Wochen konnten wir viele Neumitglieder in der FDP begrüßen – darunter auch einige, die von der CSU zu uns gewechselt sind. Freiheitlich denkende Menschen, die früher das Gefühl hatten: In der CSU kann man mehr für unser Land bewegen, selbst wenn man vielleicht inhaltlich einer anderen Partei nähersteht.

Diese Zeiten sind vorbei. Es gibt für Liberale in Bayern keinen Grund mehr, sich in einer anderen Partei als der FDP zu engagieren. Wir laden alle liberal denkenden Bürgerinnen und Bürger ein, sich uns anzuschließen. Stärken Sie die FDP, damit wir unser Land stärken können!

Stephan Thomae, Daniel Föst, Lukas Köhler, Katja Hessel, Nicole Bauer, Andrew Ullmann, Thomas Sattelberger, Thomas Hacker, Sebastian Körber und ich – zehn FDPler aus Bayern vertreten derzeit als Teil des liberalen Koalitionsverhandlungsteams bayerische Interessen in Berlin.

Ich selbst verhandle in einer Arbeitsgruppe mit, die sich u.a. mit dem Thema Vielfalt beschäftigt. Ich werde nicht aus den laufenden Verhandlungen berichten, aber ich möchte ein bisschen auf diesen Begriff eingehen, auf die Vielfalt und ihren Wert für die Gesellschaft. Ich verstehe Vielfalt dabei deutlich umfassender, als es dem Zuschnitt dieser Arbeitsgruppen entspricht. Wie wir es mit der Vielfalt halten, ist für mich eine zentrale Frage, die den Liberalismus von anderen Strömungen unterscheidet.

In der Wirtschaft zum Beispiel bedeutet Vielfalt Wettbewerb. Wettbewerb bringt Wahlmöglichkeit für die Verbraucher, ist Triebfeder für Qualität und Innovationen. Er belebt sprichwörtlich das Geschäft. Deswegen gibt es keine bessere Wirtschaftsordnung als die Soziale Marktwirtschaft, die Wettbewerb nicht nur ermöglicht, sondern ihn durch das Kartellrecht auch vor der Bedrohung durch Machtkonzentrationen schützt.

Im Aufbau unseres Staates bedeutet Vielfalt Föderalismus. Der Föderalismus spiegelt die Vielfalt unseres Landes wieder und begrenzt die Macht der Bundesregierung. Auch wenn die FDP künftig im Bund mitregiert, bin ich nicht der Überzeugung, dass alles besser funktioniert, wenn es zentral von Berlin aus gesteuert wird. Ich werde auch weiterhin für den Föderalismus und für starke Bundesländer kämpfen. Und als Landespolitiker natürlich auch konsequent für bayerische Interessen.

Für Parteien und Fraktionen ist Vielfalt wichtig, weil sie die politischen Herausforderungen aus unterschiedlichen Blickwinkeln betrachten müssen. Ich bin froh, im Landtag einem Team vorzusitzen, das so vielfältig ist in Bezug auf die Biographien, die Generationen und die beruflichen Hintergründe.

Und ich möchte, dass wir in der nächsten Legislaturperiode dann auch noch ausgewogeneres Verhältnis bezüglich der Geschlechter hinkriegen. Ich wünsche mir mehr Kolleginnen im Landtag und den Grundstein dafür haben wir 2019 mit unserem Beschluss „Faire Chancen für alle“ gelegt. Dieser Beschluss bedarf jetzt einer konsequenten Umsetzung. Dafür werde ich mich auch ganz persönlich einsetzen.

In der Gesellschaft bedeutet Vielfalt, dass jeder nach seiner Façon selig werden kann. In den Karlsruher Freiheitsthesen, dem Grundsatzprogramm unserer Partei von 2012, steht: „Für Liberale ist es normal, verschieden zu sein. Liberale Politik schützt in besonderem Umfang vielfältige Lebensformen und Lebensentwürfe – und damit ein angstfreies Anderssein.“

Ethnische, kulturelle, religiöse, sexuelle Vielfalt – all das ist Rechtspopulisten ein Dorn im Auge. Die kochen ihr Süppchen auf dem Feuer der Ressentiments gegen Minderheiten aller Art. Die propagieren eine homogene Gesellschaft, in der das Anderssein allerhöchstens geduldet, aber niemals als gleichwertig akzeptiert wird. In einer solchen Gesellschaft ist für die freie Entfaltung des Einzelnen kein Platz. Wir Liberale wollen eine Gesellschaft, in der die Vielfalt ganz selbstverständlich ihren Platz hat, weil jeder Mensch individuell und einzigartig ist.

Die gesellschaftliche Vielfalt ist von rechts bedroht, aber zunehmend auch von einer illiberalen Linken, für die sich neudeutsch der Begriff „woke“ etabliert hat. Diese Leute sind zwar tolerant gegenüber Menschen anderer Herkunft oder sexueller Identität. Aber oft rasend intolerant gegenüber Menschen mit einer anderen Meinung.

Die versuchen, den Korridor dessen, was gesagt und gedacht werden darf, immer enger zu ziehen. Einen gesellschaftlichen Konformitätsdruck zu schaffen und kontroverse Positionen auszuschließen. Das berührt die Freiheit von Kunst und Kultur, die politische Debatte und zunehmend auch den akademischen Diskurs.

Manche Menschen sind so beseelt von der Überzeugung, dass ihre Weltsicht die moralisch Überlegene ist, dass sie nicht bereit sind, Andersdenkenden auch nur zu Wort kommen zulassen. Und selbst wenn die dahinterstehenden Absichten Gute sein mögen: Das Ergebnis dieser mangelnden Diskursfähigkeit ist keine gerechtere Welt, sondern es sind Filterblasen, verhärtete Fronten und eine gesellschaftliche Spaltung.

Wenn nach aktuellen Umfragen nur noch eine Minderheit von 45 Prozent der Deutschen das Gefühl hat, frei ihre Meinung äußern zu können, wenn immer mehr Hochschullehrer ein intolerantes Meinungsklima an unseren Universitäten beklagen, dann haben wir ein Problem. Denn nur durch offenen Diskurs kann Fortschritt gedeihen.

Der große liberale Philosoph Karl Popper hat gesagt: „Der Wert eines Dialogs hängt vor allem von der Vielfalt der konkurrierenden Meinungen ab.“ Und in den Freiburger Thesen, deren 50. Jubiläum wir vor wenigen Tagen gefeiert haben, heißt es, die Emanzipation des Menschen und die Evolution der Menschheit könnten nur gelingen auf Grundlage von geistiger Freiheit, Toleranz und Konkurrenz: „Nur auf dieser Grundlage ist eine freie und offene Gesellschaft möglich, in der Wahrheit und Gerechtigkeit nicht als fertige Antworten überliefert und hingenommen, sondern (…) stets als neu sich stellende Fragen an den Menschen aufgeworfen und erörtert werden.“

Für uns Liberale ist klar, liebe Freunde: Echte Vielfalt muss auch die Vielfalt der Meinungen, die Vielfalt der Positionen und Sichtweisen umfassen. Auch diese Vielfalt lohnt es sich zu verteidigen.

Überhaupt brauchen wir in der Politik nach 16 Merkel-Jahren wieder mehr Mut zur Debatte. Ein Politikstil, der versucht, jeden Konflikt zu vermeiden, jedem Streit aus dem Weg zu gehen, jede Kontroverse in blumigen Formulierungen aufzulösen, führt letztlich zu Politikverdrossenheit, weil er die Unterschiede zwischen den Parteien verschwimmen lässt.

Unsere FDP wird in einer neuen Bundesregierung Kompromisse machen, ganz klar. Aber gute Kompromisse macht man von einem festen Standpunkt aus, nicht aus einer Position der Beliebigkeit. Die FDP darf nicht den Fehler machen, ihren neuen Koalitionspartnern ähnlicher werden zu wollen.

Ich will keine rotkarierte FDP und keine grüngesprenkelte FDP, sondern ich will eine gelbe FDP – in der Wolle gefärbte Liberale. Und auch da, wo wir uns in der Koalition nicht durchsetzen können, darf das nicht bedeuten, dass wir jetzt an dieser Stelle für uns unsere Position revidieren – wir vertagen unsere Anliegen höchstens.

Als Landespolitiker habe ich mit Blick auf die Koalition im Bund ein etwas höheres Maß an Beinfreiheit. Und diese Beinfreiheit gedenke ich auch zu nutzen. Ich kann Euch versprechen: Nur weil in Berlin eine Ampel regiert, wird unsere Fraktion im Landtag nicht anfangen, SPD-Anträgen zuzustimmen, die mehr Bürokratie und Regulierung für den bayerischen Mittelstand bedeuten. Nur weil in Berlin eine Ampel regiert, werde ich in Bayern nicht schweigen, wenn Katharina Schulze erklärt, wir seien im Lockdown doch nicht unfrei gewesen. Was offenbart denn das bitte für ein Freiheitsverständnis!

Es gibt keine Koalition in der Opposition, die FDP im Bayerischen Landtag ist und bleibt eine eigenständige Kraft!

Um die Zeit herum, als ich den Jungen Liberalen beigetreten bin (das war im Jahr 1998) habe ich ein Buch gelesen, das der ein oder andere von Euch vermutlich noch kennt: „Neuland“ von Guido Westerwelle.

Guido Westerwelle, damals junger Generalsekretär einer Partei, die sich nach 16 Jahren Schwarz-Gelb im Bund primär über ihre Rolle als Koalitionspartner definiert hat, schrieb darin, die FDP brauche „ein eigenes klares Profil. (…) Sie muss, um auf Dauer erfolgreich sein zu können, eine Identität herausbilden, mit der die Menschen eine Geisteshaltung und ein Lebensgefühl verbinden.“ Die FDP, so Westerwelle, „kann die Gewinnerin der Umbrüche in der Parteienlandschaft werden, wenn sie den Mut zur Unverwechselbarkeit und zur Eigenständigkeit aufbringt.“

Dieser Kurs war damals richtig und dieser Kurs ist heute richtig. Lasst uns weiterhin mutig sein, lasst uns selbstbewusste Liberale sein, mit Ecken und Kanten und einem klaren Kompass, der immer in Richtung Freiheit zeigt. Denn die Freiheit ist es, die uns antreibt. Das Recht jedes Einzelnen, sein Leben selbst in die Hand zu nehmen und es selbstbestimmt führen zu können. Nicht als Mündel unter staatlicher Vormundschaft, sondern als mündiger Bürger, der Verantwortung übernimmt für sich und für andere. Dafür kämpfen wir, dafür machen wir Politik.

75 Jahre nach Gründung der bayerischen FDP den Vorsitz dieses Landesverbandes zu übernehmen und damit in die Fußstapfen von Persönlichkeiten wie Thomas Dehler, Josef Ertl, Max Stadler oder Sabine Leutheusser-Schnarrenberger zu treten – das ist eine große Ehre und eine große Verantwortung.

Jeder Landesvorsitzende packt die Dinge auf seine Weise an. Jeder hat seine individuellen Stärken und Schwächen. So wird das auch bei mir sein. Lieber Daniel Föst, lieber Albert Duin, liebe Sabine Leutheusser-Schnarrenberger – Ihr drei habt dieses Amt in den vergangenen 21 Jahren geprägt, jeder von Euch auf seine Art. Und jeder von Euch mit großem Erfolg. Ich hatte die Freude, mit Euch allen dreien eng und vertrauensvoll zusammenzuarbeiten. Und von jedem von Euch konnte ich etwas lernen. Ich finde, die bayerische FDP kann stolz auf ihre Alt-Landesvorsitzenden sein.

Es ist jetzt Zeit das nächste Kapitel in der Geschichte unserer bayerischen FDP zu schreiben. Ich würde mich freuen, liebe Freundinnen und Freunde, wenn wir das gemeinsam angehen. Die FDP Bayern ist ein großartiger Landesverband und ich wäre glücklich, wenn Ihr mir heute das Vertrauen aussprecht, unser Team in den kommenden Jahren anzuführen.

Vielen Dank!“

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